Çetin Ay: „Die Kindheit erlebt man nur einmal, aber die Elternschaft erinnert man sich ein Leben lang.“

In der Komplexität der modernen Zeit nehmen die Herausforderungen der Kindererziehung stetig zu. Der internationale Unternehmer und Sozialpolitikexperte Çetin Ay analysierte in unserer Zeitung den Druck und die Gefahren, die die neue Generation von Erziehungsansätzen für Kinder mit sich bringt.
— Herr Ay, was denken Sie über den jüngsten Wandel im Erziehungsverständnis?
Die Zeiten haben sich geändert. Doch die Kinder zahlen stillschweigend den höchsten Preis für diesen Wandel. Viele Eltern beginnen mit guten Absichten, aber Kindererziehung in der heutigen Zeit gleicht einer Fahrt auf einem steuerlosen Meer. Die neue Generation von Erziehungsansätzen betrachtet Kinder zunehmend als „kleine Erwachsene“. Wir erwarten von ihnen, dass sie wie Erwachsene denken, Entscheidungen treffen und Verantwortung für ihr Leben übernehmen.
— Welche Gefahren birgt dieser Ansatz?
Eine wichtige Wahrheit wird oft übersehen: Die Kindheit ist kein Abschnitt, den man überspringen kann. Sie ist das Fundament der Persönlichkeit und der Kompass für die Zukunft. Kindern unbegrenzte Freiheit zu geben, ist kein Zeichen von Liebe; im Gegenteil, es bedeutet, sie in die Unsicherheit zu treiben. Der amerikanische Experte Leonard Sax erklärt dieses Missverständnis in seinem Buch „Der Zusammenbruch der Elternschaft“ anschaulich.
– Warum tappen Familien in diese Falle? Weil sie unbegrenzte Freiheit fälschlicherweise mit Liebe verwechseln. Kinder wachsen mit Führung auf, nicht mit Freiheit. Sie brauchen einen Wegweiser, keinen Freund. Eltern verwechseln Freundschaft mit Führung. Natürlich ist es wichtig, Kindern Wahlmöglichkeiten zu bieten, aber sie in ihrem Alter zu überfordern, belastet sie seelisch.
– Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang Grenzen?
Grenzen sind kein Gefängnis. Im Gegenteil, sie sind ein sicherer Hafen. Kinder wachsen in der Sicherheit von Grenzen auf, nicht in grenzenloser Freiheit. Ich sage immer:
„Eltern, die keine Grenzen setzen, hinterlassen ihren Kindern Unsicherheit, nicht Freiheit.“
– Wie beurteilen Sie die Auswirkungen des digitalen Zeitalters auf Kinder?
Die Kinder von heute versuchen, mit der Grenzenlosigkeit der digitalen Welt zurechtzukommen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie sich in der Welt der Smartphones, sozialen Medien und der ständigen Informationsflut verlieren. Elternsein ist heutzutage schwieriger denn je, aber auch eine wichtige Aufgabe.
— Abschließend: Welchen Rat würden Sie Eltern geben?
Wenn Sie Ihrem Kind einen großen Gefallen tun wollen, geben Sie ihm seine Kindheitsrechte zurück. Scheuen Sie sich nicht, „Nein“ zu sagen. Scheuen Sie sich nicht, Grenzen zu setzen. Ihr Kind mag heute wütend sein, aber morgen wird es Ihnen dankbar sein, dass es innerhalb dieser Grenzen aufgewachsen ist.
Die Kindheit erlebt man nur einmal.
Elternschaft hingegen bleibt ein Leben lang in Erinnerung.
— Vielen Dank, Herr Çetin Ay.
Gern geschehen. Ich hoffe, dass dieses wichtige Thema in der Gesellschaft an Bedeutung gewinnt.